"Aus einem traurigen Arsch kommt kein fröhlicher Furz."
Dettmar Cramer


"Wenn Frauen bei einer Party dabei sind, wird alles steif!"

Johnny Van Ertl



"Die Jungs von heute haben Hornhaut auf den Oberschenkeln - vom vielen Reingrätschen."

Buffy Ettmayr



"Der hat nicht Bundesliga gespielt. Der hat Bundesliga gefoult."

Uli Hoeneß über Uwe Klimaschewski

Sonntag, 31. Juli 2011

Der Mann am Zaun


Am 11. Juli jährte sich der Todestag des Rudolf Strittich zum ersten mal. Er war wohl einer der imposantesten und erfolgreichsten Persönlichkeiten die der Steyrer Fußball bis heute hervorgebracht hat. Zu Ehren und Andenken des Herrn Strittich bringe ich einen Text des Steyrer Literaten Erich Hackl.


Der Vater Hilfsarbeiter in den Steyr- Werken, nach Ausbruch der Wirtschaftskrise die meiste Zeit erwerbslos oder nur tageweise beschäftigt, als Gerbergehilfe und Schneeräumer. Zwei ältere Schwestern. DieMutter geht als Bedienerin. Sie stirbt, als Rudi sechs ist, 1928, nach einer Abtreibung, wie er später erfahren wird. Nach fünf, sechs Jahren heiratet der Vater wieder, was Rudi freut, weil es mit dem Durcheinander zu Hause und mit dem Schuldenhaben vorbei ist. Aber die Stiefmutter, die eine Handstrickerei betreibt, hat ihn nicht lieb. Er soll ihr möglichst selten unter die Augen kommen. Oder brav sein und still sitzen. Eine Tante, Schwester der leiblichen Mutter, ist Krankenschwester in Wien. Sooft sie im Urlaub nach Steyr kommt, bringt sie ihrem Neffen einen echten Lederball mit. Deswegen lassen ihn die älteren Buben auchmitspielen, auf einer Gstättn in der Fuchslucken, unterhalb der Ennsleite, die zur Stadt hin steil abfällt.


Dem Fleischhauer ein paar Häuser weiter schießt er einmal die Auslagenscheibe kaputt. Der ist zwar versichert, aber weil die Familie nicht bei ihm einkauft, muss der Vater für den Schaden aufkommen. 70 Schilling, das ist die Arbeitslose für dreieinhalb Wochen und bedeutet einen Monat Hausarrest. Die Lehrerin Trauner in der Volksschule ist eine fanatische Schwarze. Drei Jahre hindurch hat er in Betragen einen Dreier. Sie lockt mit einer besseren Note für den Fall, dass er nicht länger bei den Roten Falken mitmacht. Auf den Tauschhandel lässt er sich nicht ein. Gemeinsam mit den anderen Buben von der Fuchsluckenpartie geht er zu Vorwärts. Mit acht debütiert er in der Jugendmannschaft, mit 14 in der Kampfmannschaft. 1936 beendet er die Hauptschule mit einem Vorzugszeugnis und beginnt eine Lehre als Bauschlosser in den Steyr-Werken.

Zuvor der Februaraufstand. Die Schutzbündler verschanzen sich auf der Ennsleite, vorn an der Rampe, in der Brucknerstraße, wo die Familie zur Miete wohnt. Als er zu Mittag von der Schule nach Hause kommt, hört er, sie haben einen Wachmann erschossen. Am Tabor gegenüber, jenseits der Enns, bringt das Bundesheer Feldhaubitzen in Stellung. Ein Geschoß trifft das Wohnhaus in der Brucknerstraße. Granateinschläge, Blindgänger, Maschinengewehrfeuer. Verletzte und Tote. Die Kinder sitzen im Keller, im Dunkeln, in der Kälte. Am übernächsten Tag, weiße Fahnen hängen an den Hausfassaden, marschiert die Heimwehr durch die Straßen, die Gewehrläufe drohend auf die geschlossenen Fenster gerichtet. Die Männer werden auf Schloss Lamberg getrieben, auch sein Vater, der nicht mitgekämpft hat. Es heißt, alle werden erschossen. Da rennen die Frauen und Kinder, erschreckt und schluchzend, hinterher. Nach ein paar Tagen wird der Vater entlassen.


Das Verbot aller sozialdemokratischen Organisationen trifft auch den Verband der Amateur-Fußballvereine Österreichs. Ein paar Wochen lang ruht der Spielbetrieb, ab Herbst macht Vorwärts in der Liga des Österreichischen Fußballbundes mit. Bis dahin haben es die oberösterreichischen Arbeitervereine abgelehnt, Sport mit Geldverdienen zu vermischen, und in einer eigenen Meisterschaft um den Pokal gespielt. Die politische Niederlage schmerzt Rudi weniger als das schreiende Unrecht, dass der bürgerliche Lokalrivale Amateure den angestammten Vorwärts-Platz zugesprochen erhält. Was die eigeneMannschaft betrifft, ändert sich kaum etwas; bis auf einen oder zwei sind die Mitspieler nach wie vor auf der Ennsleite daheim und sozialistisch gesinnt. Irgendwann in der Verbotszeit stänkert Rudi junge Männer an, die mit weißen Stutzen aufmarschieren und Nazilosungen brüllen. Nach ein paar Tagen oder Wochen passen sie ihn auf der Straße ab, schlagen ihn zusammen und schleppen ihn in ihr Versammlungslokal, wo er sich herauszureden versucht, schuld sei sein Übermut, und er habe doch gar nichts gegen sie. Ihr Anführer, Eigruber, der spätere Gauleiter von Oberdonau, lässt ihn laufen.

Er weiß noch, er ist am Abend des 11. März 1938 ins Biograph-Theater gegangen, einen Film anschauen, und als er gegen zehn rauskommt, ist der Stadtplatz gesteckt voll mit Leuten. Die Arme zum Hitlergruß hochgerissen. Endlich hat sein Vater wieder Arbeit, im Kugellagerwerk, in der Rüstungsproduktion. Der Katzenjammer kommt erst später. Im Jahr darauf, als Rudi ausgelernt hat, vermittelt ihn der Sektionsleiter von Amateure zur NSTG Graslitz. In der tschechischen Kleinstadt, die jetzt zum Reichsgau Sudetenland gehört, hat er zum ersten Mal nichts anderes zu tun, als Fußball zu spielen. Die Mannschaft wird Gaumeister und unterliegt in der Endrunde Rapid Wien.


Als er nach Steyr zurückkehrt, wird er wegen unerlaubten Verlassens des Arbeitsplatzes drei Wochen lang eingesperrt. Er wäre ja in den Steyr-Werken dienstverpflichtet gewesen. Mit 18 soll er einrücken, wird aber irrtümlich als heimatverwendungsfähig eingestuft. Er kommt nachWien, zur Bahnhofswache, die zu kontrollieren hat, ob die Wehrmachtssoldaten auf dem Perron und in der Halle einen Urlaubsschein bei sich tragen. Ein Zubrot von sechs Reichsmark pro Aufführung verdient er sich gelegentlich als Statist in der Staatsoper. In der „Tosca“ steht er mit einem Holzgewehr auf der Bühne, er wird zeit seines Lebens nie gezwungen sein, ein anderes, richtiges in die Hand zu nehmen. ImÜbrigen spielt er wieder Fußball.

Natürlich hat er schon früher versucht, bei einem Wiener Verein unterzukommen. Johann Luef, der Spielertrainer von Vorwärts und ehemalige Läufer des Wunderteams, hatte ihm einmal zugeredet: „Sie, gehen S’ zu Rapid, weil Ihre Spielweise passt zu Rapid.“ Er war nach Hütteldorf gefahren und hatte sich auf der Pfarrwiese einem Funktionär vorgestellt, der ihn kurz gemustert, dann weggeschickt hatte. „Kommen S’ ein anderes Mal, wenn die Jugendmannschaft trainiert.“ Rudi probierte es noch bei Vienna, aber die hatte damals so viele gute Spieler, da sah er keine Chance, jemals in die Kampfmannschaft zu kommen.

1937 war er der Austria empfohlen worden. Er hatte mit den Profis trainieren dürfen und war mit Schulterklopfen weggeschickt worden. Jetzt, fünf Jahre später, fordert ihn NSTG Falkenau für das Hauptrundenspiel um den Tschammer-Pokal gegen Vienna an. Falkenau gewinnt 4:0. Nach dem Match redet ihn Fritz Gschweidl an, der Trainer der Vienna (und Rechtsverbinder desWunderteams): „Hören S’, ich hab Sie doch einmal gesehen auf der Hohen Warte. Wollen Sie nicht bei uns spielen?“ Eine Woche später tritt er zum ersten Mal für Vienna an, in einem Meisterschaftsspiel der Gauliga Ostmark. Nach drei, vier Spielen steht er schon in der Wiener Auswahl, die vor 90.000 Zuschauern in Berlin unentschieden spielt. 1:1.


1942 bekommt er auch zum zweiten Mal den Einberufungsbefehl, als Soldat für die Ostfront. Er ist bereits einer Marschkompanie zugeteilt, als ihn ein Offizier aus der Reihe holt: „Strittich, Strittich, sind Sie nicht der Fußballer?“ „Nein“, sagt er sicherheitshalber, „das ist mein Bruder.“ „Tun S’ nicht lügen!“ Er wird nach Linz überstellt, dann auf zwei Jahre unabkömmlich geschrieben und in den Steyr-Werken beschäftigt, im Kugellagerwerk. Jetzt spielt er wieder für Vorwärts, das, kriegsbedingt, weil die meisten Stammspieler zur Wehrmacht eingezogen worden sind, mit Amateure zum FC Steyr fusioniert wird. In der Saison 1944/45, die nach sieben Runden abgebrochen wird, verlieren sie auswärts gegen Mauthausen, dessen Mannschaft sich fast ausschließlich aus Angehörigen des Wachpersonals zusammensetzt. Ein ungutes Gefühl nachher, bei der Bewirtung durch ausgemergelte Häftlinge. Beklemmung auch beim Rundgang durchs Konzentrationslager, das ihnen die Gastgeber stolz präsentieren. Zucht und Ordnung, deren Wirkung Rudi erschüttert. Beim Rückspiel in Steyr will ein Scharführer aus Mauthausen den Schiedsrichter vom Platz weg verhaften, weil der nach einem Foul im Strafraum der Gästemannschaft auf Elfmeter entschieden hat. Wochen oder Monate später ein amtliches Schreiben mit der Aufforderung, sich binnen Wochenfrist bei der SS in Graz einzufinden, zwecks Teilnahme am Endsieg. Rudi läuft damit zur Bezirksstelle des Wehrkreiskommandos, in der Johann Bloderer arbeitet, der Halbbruder eines kommunistischen Widerstandskämpfers. Bloderer nimmt das Schreiben, zerreißt es und steckt es in die Jackentasche. Zwei Tage später ist der Krieg zu Ende. Beim Auftaktspiel gegen Bad Hall ist Rudi schon dabei.

Im Herbst 1945 kehrt er zur Vienna zurück. Offiziell arbeitet er als Bürodiener bei der Wiener Städtischen Versicherung. Ein Versorgungsposten, wie üblich für Halbprofis. Für Auswärtsspiele und Tourneen wird er freigestellt. Gschweidl stellt ihn an den rechten Flügel, neben Karl Decker, für den er lange nur „der Gscherte“ ist. Bis ihm, bei einem Match in der Schweiz, der Kragen platzt. „Entweder der gewöhnt sich das ab, oder ich spiel nicht mehr weiter“, sagt er zu Gschweidl. Später verbringen Decker und er viel Zeit miteinander, auch ihre Frauen freunden sich an. Die Beziehung erkaltet erst, als Decker seine Frau verlässt. Was Rudi damals, in der Schweiz, noch aufgefallen ist: dass Decker genug Geld hatte, um sich dort einen Anzug zu kaufen. Bis dahin hatte er in seiner Naivität angenommen, dass die Gage für alle gleich sei.

Im Herbst 1946, beim 0:2 gegen Ungarn, steht er zum ersten Mal im A-Team der Nationalmannschaft. 1949 ist er beim 3:1 gegen die CSSR und beim 5:2 gegen Jugoslawien dabei. Gegen Ungarn setzt es mit 3:4 erneut eine Niederlage. Auswärtsspiele sind bei den Spielern beliebt, man kann Waren über die Grenze schmuggeln, die auf dem Schwarzmarkt ein Vermögen kosten, Seidenstrümpfe und Lippenstifte sind in Ungarn begehrt, an Salami, Speck, Käse fehlt es in Österreich. Als Vienna einmal in Budapest antritt, wird die Prämie in Naturalien ausgezahlt, drei Liter Öl, fünf Kilo Mehl, aber erst nach dem dritten Spiel und heftigen Protesten der Spieler.

Über seine Stärken redet er ungern. Es war halt ein Naturdrang in ihm. Kraft und Ausdauer, Schnelligkeit, ein gutes Auge und genaue Flanken. Im Länderspiel gegen die CSSR, fällt ihm ein, hat ihn, zehn Meter vor der Strafraumgrenze, der Verteidiger am Leiberl gehalten. Er ist trotzdem weitergelaufen, hat den andern mitgeschleppt, in den Strafraum hinein, was einen Elfmeter eingebracht hat. Er wurde oft abgeklopft. Eine Woche nach dem Match gegen Jugoslawien, im Spiel gegen Austria, trat ihm ein Verteidiger gegen das Knie, er musste wegen einer Meniskusverletzung vom Feld getragen werden. Vienna hatte damals eine Spitzenmannschaft, mit Ferdl Schaffer in der Verteidigung, Ernst Sabeditsch als Läufer, Bruno Engelmeier im Tor, Karl Decker im Sturm. Sie waren „gut zusammengedreht“, also ist es weiters kein Wunder, dass Rudi viermal ins A-, sechsmal ins B-Team berufen wurde, trotz der Konkurrenz an Flügelstürmern vomFormat einesMelchior, eines Körner.

Die Teamkarriere endet, kaum dass sie begonnen hat, nach einer Nahosttournee der Vienna. Sabeditsch wird in Beirut 850 Gramm Rohopium angeboten, und er fragt Rudi und Schaffer, ob sie sich am Geschäft beteiligen wollen. Ohne viel nachzudenken, sagen sie zu. In Wien versucht Sabeditsch, den Stoff in einem von Schleichhändlern frequentierten Café loszuwerden und gerät dabei an einen Konfidenten der Polizei. „Nach einem halben Jahr“, sagt Rudi, „ist die Schmier vor meiner Tür gestanden.“ Er und Schaffer werden zu drei Monaten Haft verurteilt, Sabeditsch zu fünf Monaten. Ein Bagatelldelikt, wie der Rechtsanwalt meint, die Sachverständigen stritten darüber, ob das Opium nicht doch hundsgewöhnlicher Mohn sei, normalerweise wäre die Anzeige nicht weiter verfolgt worden. Aber es handelt sich um bekannte Sportler, die ein Vorbild für die Jugend abgeben müssen, außerdem steht der Ruf des Fußballbundes auf dem Spiel, schon seit Langem wird in den Zeitungen das Schmugglerunwesen bei Auslandsreisen angeprangert.

Die drei sitzen die Strafe im Gefangenenhaus Wiener Neustadt ab. Nach seiner Entlassung bleibt Rudi für ein Jahr gesperrt und arbeitet bei Triestina, unter Bela Gutmann, als Jugendtrainer. Der Klub will ihn als Spieler verpflichten, ist sogar bereit, die von Vienna geforderte Ablösesumme von 250.000 Schilling zu bezahlen, aber der ÖFB beharrt auf seiner Sperre. Gerade da erreicht ihn eine Nachricht von Ernst Sabeditsch: „Rudi, ich hab ein Angebot aus Kolumbien. Fahrst mit?“ Er braucht nicht lange, um sich zu entscheiden. Bananeros SantaMarta, das eigentlich Deportivo Samarios heißt und von Plantagenbesitzern finanziert wird, bietet ihm 5000 Dollar Handgeld, das sind immerhin 150.000 Schilling. Der kolumbianische Fußballverband gehört der FIFA nicht an, die Sperre hat dort also keine Wirkung.

Nach 14 Tagen hat er sich an das feuchtheiße Klima an der Karibikküste gewöhnt. Dann läuft er zur Form seines Lebens auf. Man übersetzt ihm die Schlagzeile aus dem „Heraldo“: „Millonarios hat einen Di Stefano, aber Santa Marta hat einen Strittich.“ Die Mannschaft ist bunt zusammengewürfelt, außer ihm und Sabeditsch, der sich beim ersten Spiel den Knöchel bricht, hat Bananeros noch vier, fünf Ungarn und zwei Tschechen unter Vertrag genommen. Millonarios tritt überhaupt mit der halben argentinischen Nationalelf an, und Junior de Barranquilla hat sich mit Spielern aus Brasilien verstärkt. Sogar die Schiedsrichter sind Profis aus Großbritannien, unbestechlich, weil gut bezahlt. (Einem von ihnen, Sidney Donald Brower, widmet ein blutjunger Journalist namens Garcıa Marquez eine respektvoll- spöttische Glosse.)

Die Heimspiele gegen Millonarios, die Meistermannschaft aus Bogota, werden schon zu Mittag angepfiffen, in der Hoffnung, dass den Gästen aus dem Hochland die Hitze zu schaffen macht. Oben in der Hauptstadt, auf 2600 Meter Seehöhe, geht wiederum Rudi nach jedem Sprint die Luft aus. Freunde findet er in SantaMarta in der kleinen österreichischen Kolonie, jüdische Emigranten, mit denen er am Ende der Saison auch Abschied feiert, fast versäumt er die Abfahrt.

Im Ruderleibchen, zwei Bananenbüschel geschultert, die Reisetasche in der Hand, trifft Rudi an einem trüben Novembermorgen im Wiener Westbahnhof ein. Er erfährt, dass er immer noch gesperrt ist, weil ihm der ÖFB die in Kolumbien verbrachte Zeit nicht angerechnet hat, und nimmt ein Angebot aus Zürich an, wo er in einer Fabrik arbeitet und in der Freizeit die Jugendmannschaft von Young Fellows trainiert. Bei seiner Rückkehr überredet ihn JoschiWalter, wieder bei Vienna zu spielen. Nach einem halben Jahr wird er um 250.000 Schilling an Besancon RC verkauft. Kaum angekommen, erleidet er einen Bandscheibenvorfall. Der Klubpräsident, ein frommer Mann, schickt ihn auf Wallfahrt, in ein Kloster, beten. In Lyon wird er operiert, erfolgreich, aber nach einem Monat oder zwei wiederholt sich der Vorfall, worauf ihn der französische Klub vorzeitig nach Hause schickt. Er absolviert einen Trainerkurs und übernimmt, 1955, die Mannschaft von Sturm Graz. In Graz der dritte Bandscheibenvorfall. Die zweite Operation. Er zweifelt daran, ob er überhaupt noch als Trainer arbeiten kann.

Überrascht, ja schockiert war er vom niedrigen Niveau der zukünftigen Trainer: Es gab nur drei oder vier Kursteilnehmer, die sich mündlich wie schriftlich halbwegs verständlich ausdrücken konnten. Er hat ein gutes Zeugnis bekommen, und er glaubt in aller Bescheidenheit auch, dass er ein guter Trainer gewesen ist. Er hat viel gesehen: „Von jedem Trainer kannst du was lernen. Und du musst die Besonderheit eines Spielers erkennen. Wissen, wie du mit jedem Einzelnen umzugehen hast.“ Menschlich, ohne Arroganz, nicht ungehobelt wie der Schreihals MaxMerkel, der sich nur deshalb behaupten konnte, weil den Deutschen die Hitlerzeit noch in den Gliedern steckte. Bela Gutmann, Ernst Happel: klasse Burschen. Sympathisch auch der ruhige, bescheidene Leopold Stastny, der ihn einmal angesprochen hat: „Herr Strittich, wir haben vor vielen Jahren gegeneinander gespielt, können Sie sich erinnern?“ (Städteturnier Pressburg gegen Wien, Stastny linker Verteidiger der einen, Rudi Rechtsaußen der anderen Mannschaft.)

Die zweite Station als Trainer, von Walter Nausch vermittelt: FC Basel. Er hat sich dort nicht besonders wohlgefühlt. Die Schweizer, sagt er, sind ja irgendwie eigen. Eingebildet, ohne Schmäh. „Seien Sie froh, dass Sie bei uns sein dürfen.“ In Griechenland, bei Apollon Kalamaria, hat er das keinen sagen hören. Wenn er am Ende der Saison Saloniki verließ, dann nicht deshalb, weil der Verein mit ihm oder er mit der Mannschaft unzufrieden gewesen wäre, sondern weil die Klubkasse leer war. „Ich hab immer nur Klubs erwischt, die kein Geld hatten.“ Zum Beispiel, Jahrzehnte später, Real Murcia, das damals in der zweiten spanischen Division gespielt hat. Als Trainer war man immerhin in der Lage, einzufordern, was einem zustand. Aber die Spieler waren armdran. InMurcia haben sie sich vor jedem Spiel den Magen vollgeschlagen. „Ich konnte es ihnen nicht verbieten, sie waren einfach hungrig.“ Ansonsten war er in Murcia nicht unzufrieden. Neu für ihn war, dass nach jedem Tor,mitten im Spiel, sofort drei, vier Journalisten auf ihn zugestürzt kamen, um seine Meinung einzuholen.

In Dänemark ist er heute noch unvergessen. Die Ära Strittich, die 20 Jahre gedauert hat, beginnt und endet in Esbjerg, einer Hafenstadt im Jütland, in der die meisten Leute deutsch sprechen, was die Verständigung von Anfang an leicht gemacht hat. Dazwischen Aalborg BK, ein großer Verein, und Viborg FF, ein kleiner. Und natürlich das Nationalteam, sechs Jahre lang. Den Esbjerg fB hat er viermal zum Meistertitel geführt. Er rechnet sich das nicht als Verdienst an, er hat halt gut reingepasst. Verblüfft war er nur im ersten Moment, weil ihn gleich alle geduzt haben, die Vorstandsmitglieder, die Spieler, die Spielerfrauen und die Leute auf der Straße. Er hatte sofort einen guten Draht zu ihnen, ist mit ihnen Ski gefahren und hat sie zu Weihnachten oder am Ende der Saison mit Uhren beschenkt. Im Training wollten die Spieler immer noch eine Übung anhängen, obwohl sie reine Amateure waren und keinen Groschen bekamen. Es war selbstverständlich, dass auch ihre Frauen und Kinder Zutritt zum Klubhaus hatten. Dort haben sie Skat gespielt, sich miteinander unterhalten, wehe, wenn er ihnen das Trinken verboten hätte. Nach jedem Match wurde eine Kiste Bier herbeigeschleppt.

Als Nationaltrainer stand er vor dem Problem, dass alle Spieler einem Beruf nachgingen. Er konnte nie länger mit ihnen arbeiten. Außerdem war ihnen Treue wichtiger als Karriere. Kaum einer opferte dem Ehrgeiz, um den Titel mitzuspielen, die Verbundenheit mit seinem angestammten Verein. Da war es nur logisch, dass er sogar Spieler aus der dritten Liga in die Mannschaft gestellt hat. Immerhin ist es ihm gelungen, einen dritten Trainingstag einzuführen. Bis dahin wurde nur zweimal proWoche trainiert. Den Beschluss des dänischen Verbands, amAmateurstatus festzuhalten, hat er hingegen nicht umdrehen können. Spieler, die als Profis ins Ausland gingen, wurden automatisch für die Nationalmannschaft gesperrt. Erst angesichts der Niederlagen im Europacup dämmerte den Vorstandsmitgliedern, dass eine Umstellung angebracht wäre.

Als das Verbot, Geld anzunehmen, schließlich aufgehoben wurde, war er nicht mehr im Land. Aber seine beste Zeit hat er zweifellos dort verlebt, wo er wenig verdient, vieles erreicht hat, 20 Siege, elf Unentschieden mit dem Nationalteam und die Endrunde bei den Olympischen Spielen in München, in der sie Brasilien ausgeschaltet haben, die Dänen liegen ihm einfach mehr als die Österreicher, sie sind offener, aufrichtiger, nicht zufällig war er ja auch in zweiter Ehe, 17 Jahre lang, mit einer Dänin verheiratet, und sie sind nicht im Unfrieden auseinandergegangen, sondern hauptsächlich deshalb, weil sie nicht in Österreich leben wollte und ihn alles hierher zurückgezogen hat. Nach Steyr, obwohl gerade Vorwärts sich ihm gegenüber einigermaßen schäbig benommen hat.

Noch während er die dänische Nationalmannschaft betreut hatte, war ihm der Posten des österreichischen Teamchefs angeboten worden. Er hatte die Einladung ausgeschlagen, wegen der Intriganten und Wichtigtuer hierzulande. Als er dann doch, 1980, einen Trainerposten in Österreich übernahm, bei Austria Salzburg, bereute er bald seine Entscheidung. Er wurde nach 105 Tagen gefeuert, mangels Erfolgen, eigentlich deshalb, weil er die dänischen Verhältnisse verinnerlicht hatte. Aber die Einstellung der Spieler in Salzburg war grundverschieden, sie brauchten nicht einen Trainer, sondern einen Peitschenknaller, der er nie gewesen ist. Ein paar Jahre später bekam er noch einmal zu spüren, was es heißt, in Österreich Trainer zu sein. Von einem Freund, der bei SK Enns Sektionsleiter war, ließ er sich überreden, den Verein zu übernehmen. Am ersten Trainingstag kamen 20 Zuschauer. Am zweiten zehn. Am dritten ein Vater, um sich bei ihmzu beschweren: „Warum haben Sie meinen Sohn nicht aufgestellt?“ Beim ersten Match saß er auf der Betreuerbank und hörte, wie einer hinter ihm sagte: „Da ist er ja, der alte Tepp.“ Nach dreiMonaten hat er aufgehört.

Trainieren oder spielen? „Spielen ist schöner. Hast ja keine Verantwortung. Spielst einmal schlecht, na gut, wirst das nächste Mal nicht aufgestellt. Aber wenn 20.000 Zuschauer schreien: Hauts ihn aussi, den Strittich!, dann brauchst eine dicke Haut. Schuld geben sie immer dem Trainer. Ja, solange du Erfolg hast, ist es schön, Trainer zu sein.“ Er muss sagen, er hat einiges von der Welt gesehen, oder doch nicht. Mit Vienna hat er in vielen Ländern und auf mehreren Kontinenten, sogar in Uruguay und in Brasilien, gastiert. „Eins muss ich aber schon sagen: Ich hab mir kein Museum von innen angeschaut. Weil wir waren immer zusammen, die Haberer und ich, und haben uns lieber irgendwo ein Viertel Wein gekauft.“

Der ewigen Debatte, ob früher besser oder schlechter Fußball gespielt wurde, kann er nichts abgewinnen. Heute fallen kaum Goals, denn es geht um einen Haufen Geld. Das Tempo ist viel höher. Die Anforderungen an die Trainer sind gestiegen. Zu seiner Zeit ist es nur selten vorgekommen, dass ein Trainer nach ein paar Runden abserviert wurde. Heute schon. Trainiert wurde nur zweimal die Woche. Das System war ganz anders. Bei zwei Backs, drei Läufern, fünf Stürmern bist du kaum gedeckt worden. Deshalb sind auch so hohe Ergebnisse zustande gekommen. 5:1, 7:1. Schöner . . . ja, schöner war der Fußball, den sie gespielt haben.

Ein ständiges Brennen imlinken Bein und im Kopf. Ein Phantomschmerz, behaupten die Ärzte. Ein Nerv, der abgestorben ist und trotzdem wehtut. Es schmerzt höllisch, bei jedem Schritt.Wann immer es geht, lagert er das Bein hoch, wegen der Durchblutung. Auch rechts dieser Dauerschmerz, bis hinunter zum Knöchel. Das rechte Knie wäre zu ersetzen, durch ein künstliches Gelenk. Geht nicht, sagen die Ärzte. Er hat schon drei Operationen hinter sich, die nichts gebracht haben. Einmal am Tag geht er trotzdem aus dem Haus, humpelt den Hoferweg entlang, 80 oder 90Meter weit bis zum Haus an der Ecke Goldbacherstraße, in dem ich aufgewachsen bin. Dort rastet er eine Weile, wobei er sich mit Armen und Oberkörper am Zaun abstützt, um die Beine zu entlasten und die Muskeln zu dehnen, und hält Ausschau nach meiner Mutter, mit der er sich gerne unterhält. Dann macht er sich wieder auf den Rückweg. Er ist heiter, gesellig, auch gastfreundlich wie Monika, seine Frau, die mir als Nachbarin seit meiner Kindheit vertraut ist. In einem Koffer im Kabinett lagern die Spuren eines langen Fußballerlebens. Zeitungsausschnitte und Fotos bunt durcheinander. Monika hat sich einmal bemüht, sie zu ordnen, dann den Versuch bis aufWeiteres aufgegeben.

Fragen, die offen bleiben. Eine ganze Menge. Komm uns besuchen, sagt er am Telefon, wenn du das nächsteMal in Steyr bist. Und vergiss nicht, deine Mutter mitzunehmen. Und meine Mutter sagt, tags darauf, heute ist der Herr Strittich wieder am Zaun gelehnt und hat nach dir gefragt.

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